"Wissenschaftliche evidence und Präventionsentscheidungen im digitalen Zeitalter: Die HPV-Schutzimpfung"

(Teilprojekt des Forschungsverbundsprojekts:"Präventionsentscheidungen: Die Interaktion von Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik bei der Begründung und Umsetzung staatlicher Präventionsprogramme für Kinder und Jugendliche")

Förderung: Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg
Teilprojektleiter: Prof. Dr. Dr. U. Wiesing, Dr. R. Kühl, Dr. H. Tümmers
Bearbeiterin: Irene Poczka


Allgemeine Zielsetzung des Forschungsverbundsprojekts

Der Forschungsverbund wendet sich der Frage zu, wie Medizin und Gesellschaft bei Präventionsentscheidungen in Aushandlungsprozesse eintreten, die gekennzeichnet sind durch Diskussionen um Risikoabschätzungen, die Bewertung der "evidence" von Präventionsmaßnahmen, der Rolle einzelner Interventionssubjekte sowie der jeweils angemessenen Handlungsebene. Ziel ist es, synchron und diachron vergleichend, für die genannten Beispiele erstens die wissenschaftsimmanente Diskussion um die Beweiskraft von Befunden in den Blick zu nehmen. Dabei soll geklärt werden, was in der inneren Bewertung durch ein Fachkollegium als Hinweis, Argument, Beweis (evidence) etc. für die Notwendigkeit und Wirksamkeit einer außerwissenschaftlichen Präventionsmaßnahme akzeptiert wird und welche Diskussion und Einflussgrößen auf die Akzeptanz wissenschaftlicher Thesen einwirken. Zweitens soll danach gefragt werden, auf welche Weise ein Transport dieser evidence in die Öffentlichkeit erfolgt und wie allgemein evidence durch mediale Berichterstattung thematisiert und dargestellt wird. Drittens ist zu untersuchen, welchen Stellenwert welche Einflussgrößen in politischen Prozessen haben, die letztlich in Präventionsmaßnahmen münden.


Beschreibung des Teilprojekts

Das Teilprojekt 3 analysiert anhand der Auseinandersetzungen um die jüngst eingeführte HPV-Impfung für Jugendliche, wie sich kommunikative Prozesse, die zu staatlichen Präventionsentscheidungen führen und ihre gesellschaftliche Akzeptanz bestimmen, durch die Bedingungen des "Internetzeitalters" darstellen. Untersucht wird dies erstens anhand des wissenschaftsinternen Diskurses um die Herstellung von Beweiskraft ("evidence"), zweitens im Hinblick auf den Transfer von "evidence-Wissen" in die multimediale Wissensgesellschaft. Dabei soll sowohl die Ebenen der Politischen Aushandlung und Entscheidungsfindung als auch die Rezeption von Informationen und Präventionskampagnen aufseiten der Adressaten beleuchtet werden. Schließlich geht es drittens darum, die Ergebnisse der ersten beiden Analyseschritte im Hinblick auf einen möglichen historischen Formenwandel soziokultureller Strukturen zu bewerten. Das Teilprojekt geht davon aus, dass sich die Anforderungen für wissenschaftliches Wissen in den letzten 30 bis 40 Jahren unter dem Einfluss eines alle gesellschaftlichen Ebenen durchziehenden Strukturwandels, erheblich verändert haben(Doering-Manteuffel/ Raphael 2008; Baumann 2003; Beck 1986; Foucault 1978-1979; Bröckling/ Lemke/ Krasmann 2000; Deppe 2000; Waldschmidt 2003; Pfundt, 2009). Vor diesemHintergrund stellt sich die Frage, ob der seit den 1980er Jahren stetig wachsende Bezug auf das Konzept der evidenzbasierten Medizin (engl. evidence based medicine auch EbM) diskurshistorisch als eine Art Krisenlösungsstrategie (Jäger 2012) zur Aufrechterhaltung wissenschaftlicher Autorität und Vermittelbarkeit medizinisch-wissenschaftlicher "Wahrheiten" gegenüber Politik und Öffentlichkeit anzusehen ist, die durch das Internet und immer umfangreicherere digitale Literaturdatenbanken erst in den letzten 30 Jahren technisch ermöglicht wurde.(Claridge/Fabian 2005) Im Rahmen des Teilprojekts wird es also in einem ersten Schritt darum gehen, am Beispiel der HPV-Impfung mittels diskursanalytischer Methodik, die sich wandelnden Existenzbedingungen für medizinisches Wissen zu ermitteln, das für staatliche Präventionsentscheidungen und öffentliche Akzeptanz relevant bzw. nötig ist. In einem zweiten Schritt wird untersucht, wie die veränderten Bedingungen für wissenschaftliche "Wahrheit" möglicherweise mit historisch veränderten Bedingungen für Politik oder vielleicht treffender für das "Regieren" (Foucault 1978; Ders. 1981) von Gesundheit korrespondieren. Die Einführung eines weit gefassten Regierungsbegriffs ermöglicht es zum einen, andere Akteure, die an den Entscheidungen für gesundheitliche Prävention und deren Umsetzung in wachsendem Maße beteiligt sind, in die Untersuchung einzubeziehen. Zum anderen lassen sich mit einer allgemeinen Bestimmung von "Regierung" auch Entwicklungen einer immer mehr auf die Individuen übertragenen Verantwortung – gewissermaßen, zur "Selbstregierung" – besser in Zusammenhang mit einem generellen Wandel setzen. Damit greift das Teilprojekt die aktuelle Beobachtung auf, dass wissenschaftliche Präventionsdiskurse und gesundheitspolitische Präventionsziele zunehmend mit der Proliferation der Gesundheitsrisiken an die Individuen verbunden sind. Lengwiler, Martin; Madarász 2010). Allerdings erweist sich diese zunehmende "Subjektivierung" nicht einfach nur als eine "Weiterführung staatlicher Versorgungsstrategien" (Lengwiler, Martin; Madarász 2010).
Die Untersuchung zielt deshalb auch auf die Analyse der, dem Präventionsdiskurs und in den Präventionszielen zugrunde liegenden, möglicherweise einem Wandel unterliegenden "Formen der Subjektivierung"(Foucault, 1982-1983) (z.B. von Patient*innen, Ärzt*innen, Expert*innen). Haben sich doch offensichtlich auch die Bedingungen für Vertrauenswürdigkeit, Rationalität und Moralität etwa für Ärzt*innen, Eltern und Patient*innen verändert und Einfluss genommen auf die kommunikativen Prozesse, die zu staatlichen Präventionsentscheidungen führen und die gesellschaftliche Akzeptanz gesundheitlicher Prävention determinieren. Deshalb sollen im Rahmen des Teilprojekts auch zeitgeschichtliche Methoden, wie Zeitzeugeninterviews zur Ermittlung subjektiver Wahrnehmung, Sinngebung und darin tranportierte Subjektivierungsformen durchgeführt werden. Gespräche werden hier sowohl mit Betroffenen, aber auch mit einzelnen Wissenschaftler*innen, Politiker*innen oder andere Public-Health-Akteur*innen geführt.

 

Kontakt

    Irene Lena Poczka
    Eberhard Karls Universität Tübingen
    Institut für Ethik und Geschichte der Medizin
    Goethestr. 6
    72076 Tübingen


    Büro:  +49 7071 2976010
    Mobil:  +49 179 5152680
    Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!